The Dream Syndicate - Wynn's Baseball MainstreamInterviews mit Rockmusikern sind nicht unbedingt besonders unterhaltsame Unternehmungen. Interviews mit müden, übelgelaunten Rockmusikern sind die Hölle. Ich sprach mit Steve Wynn, Sänger und Songschreiber der kalifornischen Band The Dream Syndicate, direkt nach ihrem Konzert in Dortmund, und Mr. Wynn war verdammt müde und ziemlich übelgelaunt. Zu allem Übel konnte ich ihn auch nicht mit positiven Urteilen über die neue Platte ("Out Of The Grave"-!-) und das gerade gelaufene Konzert erheitern, sondern platzte gleich mit einigen deplazierten Fragen heraus.
Spex: Mit einem neuen Album, programmatisch „Out Of The Grave“ betitelt,
kehrt ihr nach zweijähriger Abwesenheit in die Öffentlichkeit zurück ...
Steve Wynn: Ich war nicht weg, in irgendein Loch gesperrt, ich war durchaus noch am Leben.
Spex: Was ist mit Karl Precoda, eurem Gitarristen der ersten beiden LPs? Er spielt ja jetzt nicht mehr mit euch zusammen.
Steve Wynn: Er macht keine Musik mehr, sondern studiert Filmwissenschaften.
Spex: Dies war der Grund für ihn, die Band zu verlassen?
Steve Wynn: Nö, wir konnten uns nicht leiden.
Spex: Ich glaube, daß er sehr wichtig für euren Sound war, und ...
Steve Wynn: Du solltest ihn interviewen, nicht mich!
Spex: Er ist ja leider nicht hier.
Steve Wynn: Das war nur ein Vorschlag, jedes frühere Mitglied war wichtig für den DS-Sound (er nennt außer Precoda noch Kendra Smith und Dave Provost aus alten Tagen). Jeder Wechsel ergibt einen neuen Gesamtklang, eine neue Band. Wir behielten den Namen, weil ich ihn mag, aber es ist eine neue Band, wir sind jetzt immerhin schon seit anderthalb Jahren in dieser Formation zusammen.
Spex: Was ist denn das Neue im aktuellen DS-Sound?
(Er beantwortet diese Frage nicht.)
Spex: Du denkst also, daß ihr gegenüber früheren Aufnahmen vollkommen anders klingt?
Steve Wynn: Klar, wenn du die Bandmitglieder änderst, ergeben sich neue Einflüsse.
Spex: Aber du bist es, der immer noch die meisten Songs schreibt.
Steve Wynn: Ich glaube, daß das die Punkte der Kontinuität sind: Sänger, Schlagzeuger, Songschreiber.
Spex: Siehst du eine Entwicklungslinie in eurer Musik, kann man z. B. sagen, daß euer erstes Album "Days Of Wine And Roses" die Dinge vorbereitet hat, die ihr jetzt macht?
Steve Wynn: Nein, ich denke nicht so. Ich habe drei Alben gemacht, sie haben alle eine jeweilig angemessene Form und drücken alle eine bestimmte Sache aus.
(Er bemerkte später: “The first album was depressing, the second was disturbing, the third was uplifting.”· - Macht Euch selbst einen Reim drauf!) Es gibt keinen Schritt von der einen zur anderen Platte, sie sind nicht Teil einer Gruppe oder eine Trilogie, es sind einfach drei Platten.
Dieser Ausspruch „es sind einfach drei Platten“ zeigt eine typische Seite von Wynn. Er will allen Interpretationen seiner Musik möglichst aus dem Weg gehen und neigt zur Relativierung aller Urteile. Nicht von ungefähr äußert er deshalb auch die Einschätzung, daß man das Musikgeschäft nicht ernstnehmen dürfe, und meint die Freiheit zu besitzen, das tun zu können, was er will. Er versucht, dies anhand des Beispiels zu demonstrieren, daß er gleich beim nächsten Auftritt einen akustischen Set abreißen und am darauffolgenden Abend mit einem Orchester zusammenspielen könne. Meines Wissens hat er diese wahrlich tollkühnen Pläne im bisherigen Tourverlauf („Es war ein Kulturschock - sechs Wochen in elf Ländern.“) nicht in die Tat umgesetzt, vielmehr, und nun komme ich auf das Konzert zu sprechen, begnügten sich The Dream Syndicate wohl meist damit, ganz konventionellen, harten Rock zu spielen, wie man ihn in diesen Tagen wieder häufiger geboten bekommt. Hier bewegt sich noch alles innerhalb der Ekelgrenze, vor allem, weil Steve Wynn ein kraftvoller und ausdrucksstarker Sänger ist, aber nur in wenigen Momenten taucht noch so etwas wie Spielwitz, wie wir ihn von den ersten beiden LPs kennen, auf, so z. B. als die Band mitten im "John Coltrane Stereo Blues" den Temptations-Klassiker "Papa Was A Rolling Stone" anstimmte. Paul B. Cutler, Karl Precodas Nachfolger an der Leadguitar, ist sicherlich ein technisch versierter Gitarrist, läßt jedoch besondere, eigenwillige Qualitäten vermissen.
Spex: Eure Plattenfirma verkauft euch als Mainstream-Rockband - ein Anspruch, dem ihr mit eurem neuen Album und dem aktuellen Live-Outfit wohl gerecht werden könnt.
Steve Wynn: Wir sind eine Rockband, meinetwegen auch eine Mainstream-Rockband, aber mein Mainstream ist anders als der von anderen Leuten. Die Dinge, die ich konsumiere, sind häßliche Musik, Essen und Prosa, das ist mein eigener Mainstream. Ich bin nicht 90% der Bevölkerung, ich habe meinen eigenen Mainstream. Es gab immer Leute, die so etwas wie ihre ganz eigene Vision erfüllten, was dann aber auch zum Mainstream vieler Leute wurde. Man versucht nicht besonders obskur oder durchschnittlich zu sein, aber du versuchst, deine eigenen Gewohnheiten, deine eigene Linie zu finden. Zu Hause höre ich mir nur Platten von Ornette Coleman sowie Hüsker Dü an und verfolge die Baseball-Spiele - das ist mein Mainstream.
Spex: Wenn es immer jedem gelänge, seinen eigenen Weg auszubilden, könnten wir alle glücklich sein.
Steve Wynn: Nicht jeder hat eine Band.
Spex: (Rekapitulierend) Warum spielst du in einer Band?
Steve Wynn: Weil niemand die Musik macht, die ich mag ... Wir haben nichts mit dem sogenannten Rock'n'Roll-Lifestyle zu schaffen, wir sind nicht Mötley Crüe und schmeißen auch unsere Betten und Fernseher nicht aus dem Fenster.
Frank Janning in SPEX 11-86
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